Ukraine im Frühjahr 2014

Bild oben: Jalta auf der Krim (erscheint nicht in der Druckversion)

Diplomatie ohne Berücksichtigung historischer Fakten kann Schlimmes bewirken

Nach dem Zerfall der Sowjetunion hatte sich die GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) mit teils sinnvollen, teis zwingenden  wirtschaftlichen Verflechtungen gebildet. Durch die Kiewreisen ohne Einbeziehung Russlands entstand der Eindruck, die Ukraine habe sich zwischen GUS und EU zu entscheiden.

Der nachstehende Leserbrief wurde von mir während der blutigen Auseinandersetzungen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew veranlasst.

Er wurde aber etwas verspätet veröffentlicht.

Ich würde mich freuen, wenn ich nicht recht behalten würde.

Nachtrag (Ende März 2014)

Inzwischen hat sich das Ukraineproblem an der Krimfrage hochgeschaukelt. Nachdem die strategisch günstig nach Süden in das Schwarze Meer hineinragende Halbinsel Krim aufgrund eines zwar nicht elegant und korrekt in Szene gesetzten Volksentscheides von der Ukraine politisch getrennt und in das russische Reich eingegliedert worden ist, reagiert der Westen mit fragwürdigen Strafmaßnahmen gegen Russland.

Eine genauere Untersuchung der Historie müsste meines Erachtens beim ehemaligen Parteichef der SSR Ukraine, Nikita Chruschtschow, und dem Jahr 1944 beginnen. Angeblich wurde der damalige Parteichef der „SSR Ukraine“, Nikita Chruschtschow, im vorletzten Kriegsjahr, also 1944, von Stalin aufgefordert, 100 000 ukrainische Arbeiter zu Wiederaufbauarbeiten nach Russland abzustellen, obwohl auch in der Ukraine starke Kriegsschäden zu beseitigen waren. Nikita reagierte in seiner bekannten abrupten Art, indem er dies nur unter der Bedingung zusagte, dass Russland die Halbinsel Krim als Gegenleistung an die Ukraine abtreten werde. Dies wird so von ernsthaften Historikern berichtet.

Es ist aber durchaus möglich, dass sich Nikita Chruschtschow, für den ein Zerfall der Sowjetunion undenkbar war, von rein ökonomischen Gründen leiten ließ:

Bewässerung der Nordkrim aus der Ukraine,

Bau von Schiffahrtskanälen,

Optimierung der Verwaltung.

Als sich die Staatsmänner der Kriegsgegner Deutschlands, Churchill, Roosevelt und Stalin, im Februar 1945 im Liwada-Zarenpalast in Jalta auf der Krim trafen, um über die Zukunft Deutschlands und Europas zu entscheiden, war von einer Abtretung der Krim an die Ukraine noch nicht die Rede. Zumindest existieren keine entsprechenden Dokumente. Frage: Gibt es überhaupt ein Schriftstück hierzu?

Irgendwann zwischen dem 01. und 05. März 1953 starb Stalin. Im Mai 1954 „schenkte“ Nikita Chruschtschow, inzwischen Stalins Nachfolger, die Krim seiner Heimat Ukraine. Wenn dies aufgrund der mündlichen Vereinbarung mit Stalin aus dem Jahr 1944 (Arbeitskräfte gegen Land) geschah, so hat das schon als fragwürdig im Sinne des Völkerrechts zu gelten. War es aber eine der berühmt gewordenen chruschtschowschen Launen, so kann man es juristisch vergessen. In der Sowjetunion witzelte man damals viel über seine manchmal kaum zu begreifenden Entscheidungen. So hieß es zum Beispiel. man dürfe ihn nicht am Weltraumprogramm beteiligen, weil er mit Sicherheit wegen einer seiner Marotten, denen er nach seinem USA-Besuch verfallen war, auch auf dem Mond Mais anbauen lassen würde.

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, beinhaltet meine Homepage die Verknüpfung von eigenen Erlebnissen mit historischen Ereignissen.

Also:

In der Nacht vom 30. zum 31. Mai 1942 hatte die britische Royal Air Force (RAF) den ersten 1000-Bomber-Angriff der Geschichte geflogen und ganze Viertel der Stadt Köln in Schutt und Asche gelegt.*

*) Siehe unter "Intermezzo": Erster 1000-Bomber-Angriff der Weltgeschichte mit Köln als Ziel.

In den folgenden Wochen und Monaten merkten wir in der Eifel, dass jetzt ein neues Kapitel des Luftkrieges über Deutschland angebrochen war. Nacht für Nacht wurden wir vom Dröhnen der mehr und weniger gewaltigen Bomberströme geweckt. In den Nächten nach dem 04. Juli 1942 versammelten sich die aufgewachten Dorfbewohner auf der Straße. Man versuchte herauszufinden, ob die besonders starken Bomberverbände zum Angriff auf Köln oder das Ruhrgebiet einschwenkten oder in Richtung auf das Rhein-Main-Gebiet weiterflogen. Die Stärke der Angriffe richtete sich zweifellos unter anderem nach der Wetterlage. Es war diesmal locker bewölkt und ab und zu war der Mond zu sehen. Dann sah man auch viermotorige Bomber für einen kurzen Moment in der Wolkenlücke auftauchen. Mein Vater meinte, jetzt sei die Wetterlage zwar günstig, aber nicht der Hauptgrund für die Massierung. Er erinnerte an die Eroberung der Seefestung Sewastopol auf der Krim durch unsere Truppen. Die Kämpfe begannen am 30.10. 1941 und endeten mit der Einnahme von Stadt und Festung am 02.07.1942, also vor ein paar Tagen. Vater sah hier einen Zusammenhang, weil die Kriegsgegner Deutschlands mittlerweile ihre Kriegshandlungen koordinierten.

Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts berichtete der Bauleiter einer Rohr- und Tiefbaufirma von dieser Eroberung, an der er als Kanonier einer Eisenbahnpioniereinheit teilgenommen hatte. Die heldenhaft kämpfenden Russen ergaben sich erst nach hohen Verlusten, als die schweren deutschen Eisenbahngeschütze der Festung den Rest gegeben hatten. Er sagte, die Krim, und besonders Sewastopol sei für die Russen so etwas wie „Heilige Erde“. Zudem zeigt die historische Rückschau, dass man bei der Krimfrage mit Recht von einer Wiedervereinigung sprechen kann. Wer wirklich eine friedliche Zukunft Gesamteuropas will, muss die Krimfrage als abgeschlossen betrachten. Das wird dann den russischstämmigen Menschen in anders gelagerten Fällen die Begründung nehmen, mit "Heim ins Reich"-Demonstrationen eine großrussische Hilfe anzufordern. Es ist ohnehin nicht statthaft, die baltischen Staaten, die vor Beginn des Zweiten Weltkrieg durch den Hitler-Stalin-Pakt an die Sowjetunion fielen, mit der Krim gleichzusetzen.

Deutsches Eisenbahngeschütz vor Sewastopol, Juni, Juli 1942 *

*) Der oben erwähnte Kanonier erzählte mir, in der Festung Sewastopol seien ganze Schiffs-Geschütztürme eingebaut gewesen, an denen die Bomben der Kampf- und Sturzkampf-Flugzeuge wirkungslos abprallten. Nur der horizontale direkte Beschuss aus einer hochkalibrigen Kanone konnte diese Geschütztürme wegfegen.

Weizenfelder in der Ukraine

Und die Ukrainer?

Während der letzten beiden Jahre des Zweiten Weltkrieges war unserer Familie in Schönau in der Eifel ein ukrainischer Fremdarbeiter (nicht Zwangsarbeiter) namens Savelli** für die Arbeit in der Landwirtschaft zugeteilt worden. Er löste die Franzosen ab. Einer von diesen war mit einem größeren Trupp geflohen. Ich habe nie in Erfahrung bringen können, ob sie ihr Heimatland erreichten und dort in die offenen Arme der Résistance gelangten und wenn, wie sie es schafften.

„Unser Ukrainer“ fühlte sich bei uns wohl und wollte nicht mehr in die Sowjetunion zurückkehren. Er erzählte uns, dass er sich nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht freiwillig als so genannter „Hiwi“, also Hilfswilliger, einsetzen ließ. Eine geraume Zeit ritt er mit einem Budjonny Warmblutpferd die von den Deutschen benutzten Eisenbahnlinien ab, um den deutschen Nachschub und die Gleisanlagen selbst vor den Partisanen zu schützen. Als die Partisanentätigkeit zunahm, ließ er sich nach Deutschland versetzen und kam direkt zu uns. Er berichtete unter anderem, viele Ukrainer hätten den deutschen Einmarsch zunächst als Befreiung empfunden, weil der Genozid Stalins an den ukrainischen Bauern von 1930 bis 1933, dem in der Ukraine 3,5 Millionen Bauern und deren Familienangehörige durch Verhungern zum Opfer fielen, nicht vergessen sei. Er ahnte ja nicht, dass in den Weiten der gesamten Sowjetunion etwa 14,5 Millionen Verhungerte durch die Entkulakisierung der Landwirtschaft zu beklagen waren. Aber der Schuldige hieß Stalin und er war kein Russe, sondern ein in der Sowjetunion an die Macht gekommener Georgier aus dem Kaukasus. Nach Kriegsende musste unser Savelli unter dem Zwang der Siegermächte in die Sowjetunion zurückkehren. Da er sein Versprechen, uns unverzüglich zu schreiben, nicht einlöste, vermuteten wir seinen frühen Tod in einem der Straflager Sibiriens.

Was die Straflager, auch Gulag genannt, anbelangt, so haben dort sowohl Ukrainer als auch  Russen, Weißrussen und andere Sowjetvölker dasselbe Schicksal erlitten. Es ist daher umso vordringlicher, Russland, wie eingangs erwähnt, von Anfang an in die Gespräche des Westens mit der Ukraine einzubeziehen und dabei auch der russischen Seele eine gehörige Portion Aufmerksamkeit zu widmen.

Der Beginn der Reisen westlicher Politiker nach Kiew ohne die Beteiligung Russlands war alles andere als feinfühlige Diplomatie. Hoffentlich rächt sich das jetzt nicht im Osten der Ukraine, besonders im wirtschaftlich starken Donezbecken.

        Aber auch hier, in der Ostukraine ist eine historische Betrachtung sinnvoll. Im Jahr 1796 wurde die Ukraine geteilt. Der Ostteil fiel an Russland und der Westteil, deren Einwohner sich Ruthenen nannten oder Kleinrussen genannt wurden, fiel an die Donaumonarchie Österreich-Ungarn. Erst ab dem 22. Januar 1918 bestand eine volle Autonomie der "Ukrainischen Volksrepublik", die sich nach Bürgerkriegen ab 1919 SSR (Sozialistische Sowjetrepublik) Ukraine nannte.

Die Ukraine, wie wir sie heute vorfinden, setzt sich aus Teilen zusammen, die in der Zwischenkriegszeit Staatsgebiete Rumäniens, Polens, Russlands und der Tschechoslowakei waren.

Mit meinem geringen Vorrat an Geschichtskenntnissen enthalte ich mich angesichts dieser verworrenen Vergangenheit weiterer Spekulationen.

**) Und nun möchte ich unserem treuen ukrainischen Fremdarbeiter namens Savelli viele Fragen stellen. Doch er verschwand am Ende des Zweiten Weltkrieges gegen seinen und unseren Willen aus unserem Blickfeld und geriet mit den Jahren in Vergessenheit, wie so Vieles aus jenen Tagen.

Die jüngere deutsche Geschichte zum Vergleich***

Als Deutschland am Ende des Zweiten Weltkrieges auf die heutige Größe zurückgestutzt wurde, war es Jahre zuvor durch „Heim-ins-Reich-Aktionen“ zu einem starken Großdeutschland angewachsen- und zwar wie folgt:

* 12. März 1938         Anschluss Österreichs (wird in Ostmark umbenannt)

                                Siehe unter "Jugendzeit zwischen Eifelbergen" : Ein

                                Besuch aus Österreich 1938.

* Oktober 1938          Das Sudetenland wird von der Tschechoslowakei abgespalten

                                und kommt zu Deutschland (Heim ins Reich)

                                Siehe unter "Jugendzeit zwischen Eifelbergen" : Ein

                                Junge aus dem Sudetenland.

* 22./23. März 1939   Das Memelgebiet (Klaipeda) wird von Litauen abgetreten und 

                                ins Deutsche Reich eingegliedert.

* September1939      Posen und Westpreußen kommen im Verlauf des Polen-

                                feldzugs zu Deutschland

* 18. Mai 1940           Eupen-Malmedy wird gleich zu Beginn des Westfeldzugs von

                                Belgien abgespalten und „heimgeholt“

                                Luxemburg wird zwar nicht offiziell eingegliedert, aber mit

                                einer Allgemeinen Wehrpflicht belegt.

* 19. Juni 1940          Elsass- Lothringen wird im Zuge des Westfeldzuges, der am

                               10. Mai 1940 beginnt und 6 Wochen andauert, von Frankreich

                                abgetrennt und angegliedert,

                                nicht eingegliedert. (später: Allgemeine Wehrpflicht)

***) Beim Saarland galten andere Voraussetzungen:

Im Einvernehmen mit dem Völkerbund fand am 13.01.1935 eine Volksabstimmung statt, die eine überwältigende Zustimmung zur Wiedereingliederung in das Deutsche Reich brachte. Diese wurde am 01.03.1935 unter Beteiligung des Völkerbundes vollzogen. Es zählt also nicht zu den von Hitler betriebenen Heim-ins-Reich-Aktionen, obwohl der Begriff Heim ins Reich damals bereits geboren wurde. (Siehe unter "Schulzeit im Dritten Reich")

                             

Mit der bedingungslosen Kapitulation im Mai 1945 verliert  Deutschland alle genannten Gebiete und das gesamte Land östlich der Oder-Neiße-Linie. Doch die außerhalb der Bundesrepublik Deutschland lebenden deutschsprachigen Bürger sind heute (z.B. als Österreicher) innerhalb der EU problemlos in einer Wertegemeinschaft friedlich vereint.

Und

der relative persönliche Wohlstand der Bundesdeutschen ist heute auf kleinerem Raum höher als zur Zeit des Größenwahns und der staatlichen  Machtentfaltung Großdeutschlands.

Quo vadis Europa?

Das von den USA vehement geforderte und von der EU halbherzig mitgetragene Bestrafen Russlands stärkt deren Hardliner und führt zusehends zu einem unbeholfenen Stolpern in eine gefährliche Sackgasse hinein. Die russischen Hardliner werden zudem durch unsere Versuche gereizt, neben der Ukraine weitere Länder aus der GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) herauszulösen, wie beispielsweise Moldawien, Georgien und Armenien. Vielleicht gibt es in der EU genug besonnene Menschen, die diese westliche Strategie beim besten Willen nicht verstehen können und gegensteuern werden. (Andernfalls: Überforderung der EU, Enttäuschung der neuen am Tropf der EU hängenden Mitglieder wegen nicht Erfüllbarkeit ihrer Hoffnungen, politische Eiszeit in Europa.)

Die wie Vabanquespiele anmutenden Reaktionen Russlands zur Rettung der GUS können durch eine vertrauensbildende Politik der Interessenabwägung statt durch Bestrafungen, wie Herauswurf Russlands aus der G8,  gestoppt werden. Es versteht sich von selbst, dass man im 21. Jahrhundert nicht die bestehenden Grenzen daran messen darf, ob an ihren Rändern Volksgruppen wohnen, die sich mit ihren Nachbarn jenseits dieser Grenzen verwandt fühlen. Sonst würde es bald keine Schweiz mehr geben oder sie würde sich bis auf den teils rätoromanisch-sprachigen Kanton Graubünden  verkleinern.

Die "Bauherren" des Europas der 50er Jahre würden heutzutage vermutlich längst auf den Gedanken gekommen sein, zwischen EU und GUS bilaterale Abmachungen zu treffen, damit Gesamteuropa eine friedliche Zukunft gesichert wird.

Nach dem Fall der Mauer begann man unter Beteiligung Russlands die Spaltung Europas ein für allemal zu überwinden. Und das ist ausgerechnet in letzter Zeit  in Westeuropa in Vergessenheit geraten.

 

Bitte kein "Gute Nacht Europa"!