Kindheit im Eifeldorf

Natürlich beginne ich mit meiner Kindheit, obwohl sie auch für mich persönlich im Dunkeln liegt.

 

Doch heute, wo selbst das seinerzeit bewusst Erlebte langsam verblasst und, noch schnell eingefangen, einfließt in historische unpersönliche Betrachtungen, ist hier

auch Platz für das unbewusst Aufgenommene.

 

Dennoch gestatte ich mir, diese Kindheitsberichte aufzulockern mit Bildern der Eifellandschaft, die mit Sicherheit von dem damaligen Kleinkind weder gesehen noch genossen wurden.

 

Und Bilder der Eifellandschaft, ihrer Burgen, Schlösser und Ortschaften

werden auch die weiteren Berichte auflockern, damit die Leselust nicht ganz zum Erliegen kommt.

 



Zugang zum Land meiner Kindheit

 

Wenn ich heute zurück in das Märchenland meiner Kindheit schaue, muss ich zunächst einmal einen Zugang finden zu meinem Vaterhaus und dem kleinen Dorf namens Schönau im Tal der oberen Erft. Jenem Tal, das, aus der Eifel kommend, nach Norden einmündet in die Euskirchener Ebene, in der die reichen Bauern der fruchtbaren Börde ihre Zuckerrüben- und Weizenfelder mit Hilfe ihrer aus dem sogenannten Höhengebiet der Eifel stammenden armen Knechte beackern. Und nach der anderen Seite, nach Süden, wird  dieses Land meiner Kindheit und Jugend begrenzt durch den Riesenbuckel des zentralen Eifelgebirges. Obwohl dieser Buckel aus festem Gestein und Schiefer von kleineren Tälern durchzogen wird, die ihrerseits wieder Berge und Höhenrücken bilden, wirkt er auf den von Norden kommenden Wanderer in seiner Gänze wie ein mächtiger Sperriegel, der die Nordeifel von der Hoch- und Schnee-Eifel trennt. Und wenn die gelehrten Geologen mir einige Abstriche von dieser Landschaftsbeschreibung machen mögen, ich werde dem kleinen Jungen recht geben, der es so empfand und für immer in sich aufnahm und der jetzt, im hohen Alter, diese Erinnerung zu Papier bringt.

 

Für diesen Jungen, den ich im Folgenden als Säugling in sein Kinderbettchen legen werde, begann die weite Welt nach Norden hin. Genau genommen begann sie mit den ersten Gleisen der Deutschen Reichsbahn auf dem fünf Kilometer entfernten Münstereifeler Sackbahnhof. Und wenn ich mir heute die Kinderwelt von damals wieder erschließen möchte, muß ich diesen Weg in der umgekehrten Richtung gehen.

Was nach Süden hin lag, konnte ich zunächst nicht begreifen. Flog ein Flugzeug in diese Richtung, glaubte ich den Piloten warnen zu müssen. Denn wer fliegt schon dahin, wo nichts ist. Als dann Jahre später der Bau einer Westwall genannten Verteidigungslinie an der deutsch- belgischen Grenze begann, bemühte ich mich um genauere Informationen. In der Schule wurde ich dann weitere Jahre später auch über die deutsche Grenze hinaus informiert. Doch das Einholen von Informationen über die Welt da draußen begann für mich zuerst von einem unter dem Küchenfenster stehenden Kinderbänkchen aus. Aber ich will alles schön hintereinander erzählen.

 

Als man nach den Normannenstürmen der Jahre 882 bis 892 daranging, ein Güterverzeichnis anzulegen, wurde im Jahre 893 auch Schönau erwähnt. Genaueres findet sich in einer lesenswerten Festschrift, die 1993 anläßlich des 1100jährigen Bestehens des Dorfes herausgegeben wurde. In diesem Dorf  kam ich am 5. November 1927 zur Welt und wurde zunächst in eine Mang gelegt. Mang nennt man auch heute noch einen größeren Korb, der aus ungeschälten Weiden geflochten wird und nach oben einen doppelt geflochtenen Rand und zwei Griffe erhält. Hier  erfuhr der wehrlose Säugling seine erste schmerzvolle und lebensgefährliche Behandlung so, wie es im nächsten Kapitel beschrieben ist.

 

 

 



Wäschemang

Das Kind will überleben

Das Kind wehrt sich

Wer kann schon im reifen Alter der achtziger Jahre seines Lebens von seinen ersten Lebensjahren so berichten, wie er sie erlebt und empfunden hat? Ich kann es nicht. Und da gibt es noch die Ereignisse der ersten Lebenstage und –  wochen, die man als Neugeborener nicht bewusst aufgenommen hat. Ob und wie man sie dennoch verarbeitet und im Unbewussten gespeichert hat, weiß ich nicht. Aber ich erinnere mich doch noch an einige Schilderungen  meiner Eltern, Tanten und Nachbarn, die mir später immer wieder vor Augen geführt wurden und die, was die ersten Wochen nach der Geburt betraf, im wesentlichen um ein Problem kreisten: Wie können wir diesen (durch falsche Ernährung erkrankten)  neu- und erstgeborenen Jungen am Leben erhalten?

 



Am Krankenbettchen

Der Novembernebel, der sich kurz vor Einbruch der Dunkelheit im Tal eingenistet hatte, ist jetzt fast ganz verschwunden, so dass der Mond hin und wieder zwischen den Wolkenlücken zum Vorschein kommt und den Wolken einen silbernen Rand verleiht. Inzwischen ist es Mitternacht geworden und die Wanduhr in der „Guten Stube“ meines Geburtshauses setzt das Schlagwerk in Gang, das jetzt das Glockenspiel von Big Ben in London klangvoll und etwas zu laut wiedergibt. In einer Ecke der Stube steht das Kinderbettchen, mit dem todkranken Säugling. Beim leisesten Geräusch wird der Neugeborene von der Mutter oder einer  der beiden Tanten des Neugeborenen, die sich gegenseitig ablösen, aus dem Bett genommen und geschüttelt, quasi als Prüfung, ob noch schwache Lebenszeichen vorhanden sind oder nicht. So schleicht die Nacht dahin und immer wieder wird die Stille, die hier auf dem Lande fast absolut ist und dazu führt, daß man selbst das Rauschen des eigenen Blutes in den Ohren wahrzunehmen glaubt, vom Glockenspiel der        Wanduhr unterbrochen. Es ist eine von mehreren durchwachten Nächten. Im Dorf wurde gegen 22 Uhr wie üblich die gesamte Straßenbeleuchtung abgeschaltet. Jetzt, gegen Mitternacht, liegt das Dorf in tiefem Dunkel. Nur das Licht der Deckenlampe unserer Stube dringt durch zwei kleine Fenster, das  Schwarz der bisher lautlosen Nacht störend,  nach draußen. Doch jetzt wird diese Stille durch den unheimlichen Ruf eines Käuzchens unterbrochen: Quiwitt, quiwitt (komm mit, komm mit). Da dieser Ruf nach der mündlichen Überlieferung von Alters her mit Sterben und Tod in Verbindung gebracht wird, erzeugt er bei Mutter und Verwandten ein Frösteln. Die abergläubisch anmutende Meinung kommt daher, dass dieser Nachtvogel immer dann seinen unheimlichen Ruf aussendet, wenn er irgendwo Licht sieht. Und in der ländlichen Dunkelheit der Nächte deutet ein einsames Licht meist auf die Nachtwache am Bett eines Kranken oder Sterbenden hin. Ob nun der Säugling irgendwann über die falsche Ernährung siegte (er ist im Zeichen des Skorpions geboren) oder die Vernunft der besorgten Mutter gegen die falschen Ratschläge der Oma eine Änderung der Nahrung durchsetzte, wusste mir später niemand zu berichten. Das Glockenspiel von Big Ben aber, dem die Londontouristen so hingebungsvoll zu lauschen pflegen, wird Mutter und Tanten ein Leben lang in schlechter und schauriger Erinnerung bleiben. Der Schreiber dieser Zeilen genoss es später bei seinem Londoner Aufenthalt ungetrübt und ohne den Schimmer einer bösen Erinnerung aus Kindertagen.



Nachtaktiver Kauz (einheimische Eulenart)

Knarrende Stiegen und schlurfender Fuß,    Stunde folgt Stunde, als stehe die Zeit.

raunende Stimmen und ängstlicher Gruß:    Schwindende Heilung, dann Ratlosigkeit "Atmet das Kind?"                                      Hoffnung verrinnt.                                 

Mondlose Nacht, von der Lampe gestört.      Inniges Beten und gläubiges Fleh'n.  Endlose Wacht. "Hab ein Käuzchen gehört!"  Wer's nie erlebte, wird's nie verstehn.  War's nur der Wind?"                                  "Ob's Leben gewinnt?"            

                                     

 

                         Wanduhrwerk schlägt, es entschwebet die Nacht.

                         Morgenlicht zeiget: „Das Kindlein lacht.“

                                        „Ruft Mutter geschwind!“

 



Falsche Ernährung

 

Jetzt, in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, ist die Kindersterblichkeit auf dem Lande noch sehr hoch, weil die Ernährung der Neugeborenen nicht bei der erst später eingeführten Mütterberatung oder von einem Kinderarzt, sondern von den Großmüttern mit unwidersprochener Autorität  bestimmt wird. Bei uns auf dem Lande müssen die Säuglinge neben der Muttermilch auch noch mit möglichst fetter Kuhmilch, die ja frisch und warm aus dem Kuhstall kommt (Was Besseres gibt es nicht!), genährt werden. Fette Kuhmilch im kleinen Kindermagen, - das muss  ja schiefgehen und zu schweren gesundheitlichen Störungen führen!  Und so nehmen die kleinen Kindergräber auf unserem hinter der Kirche liegenden Friedhof eine beträchtliche Fläche in Anspruch. Die Gründe sind: Falsche Ernährung, fehlende oder nicht ausreichende ärztliche Versorgung und, nicht bei uns, aber in manchen Haushalten, mangelhafte Hygiene. In meinem Falle kommt es zu tagelangen Starrkrämpfen, wobei, wie man mir später schilderte, immer wieder Schaum vor meinen Mund tritt. Dann werde ich geschüttelt und es wird hin und wieder die Vermutung geäußert: „Jetzt ist er tot.“

Ja letztendlich betet man an meinem Bettchen gemeinsam, ich möge sterben, weil die Krankheit andernfalls bleibende Schäden nach sich ziehen würde.

Inzwischen bin ich über 80 Jahre alt geworden, lebe gesund und glücklich und bin heilfroh, daß die damaligen Gebete meiner Eltern und Verwandten bei Gott kein Gehör fanden.

Nun bin ich mir heute nicht so ganz sicher, ob diese Ereignisse in meinen ersten Erdentagen wirklich negative Spuren bei mir hinterlassen haben; gesundheitlich gesehen sicherlich nicht. Wohl habe ich zeitlebens einen Horror vor allzu fetten Nahrungsmitteln behalten. So kann ich keine Fettschicht auf der warmen Trinkmilch ausstehen. In meinem mit viel überschäumender Phantasie ausgestatteten Jungenalter erinnert mich diese Fettschicht (ich muss es, um meinen Widerwillen deutlich zu machen, erwähnen) an ein Leichentuch. Ich weiß, Kinder sollten keine übermäßige Phantasie entwickeln. Aber was vollzieht sich nicht alles im Unbewussten eines Kindes. Nur kann ich beim besten Willen kaum glauben, in den ersten Lebenstagen hätte ich die von der Oma verordnete krankmachende Nährweise bewusst „erlebt“, mit Widerwillen ins Unbewusste verdrängt und somit die erste Neurose meines Lebens erzeugt. Aber, wer weiß!

Es wird sicherlich nicht ohne Grund behauptet, die  entscheidenden krankmachenden und zur Neurose führenden Verdrängungen würden in den ersten sechs Lebensjahren stattfinden, also in einer Zeit, in der das Kind hilflos dem Einfluss der Eltern und in meinem Falle zusätzlich auch dem der altmodischen Großmutter ausgeliefert ist.



Die von Kelten und Germanen gleichermaßen abstammende Eifeler Familie meiner Großeltern mütterlicherseits (meine Mutter steht ganz rechts).

Mütterliche Erziehung

 

Überforderte Eltern versuchen allzu oft, den lieben Gott zu einem drohenden Erzieher umzuwandeln und zu ihrem übermächtigen Verbündeten zu machen, der alles sieht und die Unarten der Kinder sofort und unerbittlich bestraft. Bei mir kann das nicht so gewesen sein. Meine Mutter, eine fromme und in einer wunderbaren Kombination zugleich moderne Frau, hat mir die Liebe in mein kleines

Herz gesenkt, ihre eigene Liebe und die eines gütigen Gottes. Und so bleibt mir eine falsche, zu verdrängten Aggressionen führende (das kleine Kind kann sich ja nicht wehren) „strenge“ Erziehung erspart. Auch werden in mir keine Minderwertigkeitsgefühle erzeugt. Letztere führen bei vielen Menschen im späteren Leben, als Reaktion quasi, zu  einem ausgeprägten Streben nach Anerkennung, wenn nicht sogar zu einem gefährlichen Machtstreben.

 



Bilderwelt des Kindes: Der übermächtige

Wolf und das hilflose Lamm ( Gustave Doré )



Die Geschwister

Nachdem ich schlecht und recht laufen gelernt habe, kommt mein erster Bruder Alfred zur Welt. Er stirbt sehr früh im zarten Alter von drei Monaten. Ob hier ebenfalls die fette Kuhmilch mit im Spiel war, weiß ich nicht. Dann, ich bin soeben drei Jahre alt geworden, wird mein zweiter Bruder geboren und man nennt ihn, wie meinen verstorbenen Bruder, ebenfalls Alfred. Inzwischen scheint die Kuhmilch vom Speisezettel für Säuglinge gestrichen worden zu sein und so gelingt es tatsächlich, den zweiten Alfred am Leben zu erhalten. Mit zunehmendem Verstand versuche ich das Problem der beiden Alfreds zu verkraften. Nachdem der zweite Alfred einigermaßen laufen gelernt hat, nehme ich ihn beim Händchen und wandere zum Friedhof und dort zum Kindergrab des ersten Alfred. Zur Unterscheidung spreche ich bei ihm nur vom verstorbenen „Alfredchen“. „Guck mal, hier liegt unser Brüderchen, das genau wie du Alfred heißt.“ Das versteht er nicht. „Sieh mal, er ist jetzt beim lieben Gott im Himmel. Wenn du später auch einmal in den Himmel kommst, musst du dem lieben Gott klarmachen, dass du auch Alfred heißt. Hoffentlich kapiert der das!“ Ich glaube es nicht und gehe mit meinem Brüderchen Alfred 2 bekümmert nach Hause. Viel später werden sich zwei weitere Brüder hinzugesellen. Aber das ist zu einer Zeit, die ich bereits bewusst erleben und in bleibender Erinnerung behalten werde. Davon werde ich noch berichten.

Das Problem der beiden Alfreds aber lässt mir keine Ruhe. Bei den nächsten Brüdern werde ich die Namen selber aussuchen! Das gibt doch sonst nur Durcheinander!




Die Sorge der Eltern um meine jüngeren Brüder verschafft mir eine nicht zu unterschätzende Freiheit im Ausnutzen der für das Spielen geeigneten Freiräume in Hof, Stallungen und Scheunen und, wenn die Eltern allzusehr abgelenkt sind und es an Aufsicht fehlen lassen,  auch außerhalb des Vaterhauses. Es gibt keine eigens angelegten „Spielplätze“, diese entstehen viel schöner und reichhaltiger in meiner Phantasie.




Das nächste Brüderchen besorge ich mir selbst

 

Soll ich's wagen

sie zu fragen?

Doch nicht einer kann's mir sagen:

"Wo kommen denn die Babys her?"

 

Mutter, Tanten,

Dilletanten

und die ganzen Anverwandten,

spinnen stotternd hin und her.

 

Bin nicht dämlich!

Also nehm' ich

mir ein Zuckerstückchen hämisch,

leg's heimlich auf die Fensterbank.

 

Als ein Bübchen,

hübsch, mit Grübchen,

schleicht sich nachts in unser Stübchen,

verriet ich nichts und lacht' mich krank.

 

(Wenn das die Eltern wüssten!)

Nachbarskinder

Und dann lernt man irgendwann die ersten Nachbarskinder kennen. Sie werden mir nicht von den Eltern zugeführt, sondern tauchen beim Spielen außerhalb des Hauses plötzlich auf, nähern sich zunächst vorsichtig, von Hecke zu Hecke springend und dann immer wieder einen kleinen Moment lang verweilend und prüfend, ob die Kontaktaufnahme ungefährlich sei. Ähnlich misstrauisch und vorsichtig  nähern sich in der Sahara die Tuareg und andere Wüstensöhne einander.

Bei diesem Sichkennenlernen verhalten sich die kleinen Nachbarsjungen des Dorfes wie Standfische, bei denen mit zunehmender Entfernung vom eigenen „Zuhause“ die Abenteuerlust abnimmt und die Fluchtbereitschaft wächst. So trifft man sich zunächst auf halber Höhe. Es kann vorkommen, daß es bei fehlender Sympathie hierbei bleibt. Mir wird nachgesagt, ich habe keine Probleme beim Finden von verträglichen Spielkameraden.

So werde ich also positiv vorgeprägt und beginne ein Leben, das mich als Kind, Heranwachsender und Erwachsener durch die Vorkriegs-,  Kriegs- und Nachkriegszeit mit vielen Höhen und Tiefen und mit dunklen Wolken und hoffnungsvollen Aufheiterungen führen wird, so, wie ich es auf den                       folgenden Seiten beschreiben werde.

 

Trocknet  den Kindern die Tränen ab. Das ewige Regnen in die Blüten ist schädlich.



Das Heranwachsen in unserem kleinen Dorf ist für mich alles andere als langweilig und trist. Noch bevor ich die Weite der Landschaft als Spielplatz entdecke, verschaffe ich mir „meine kleine Welt“ vom Fenster aus. Ein Fußbänkchen, unter das Küchenfenster zum Garten ge-schoben, ist für mich so etwas wie der Hochsitz für den Jäger. Von diesem Aussichtspunkt aus entdecke ich auf kleinem Raum wirkliche und in der Kinderphantasie entstandene Vorgänge, die interessanter nicht sein können. Vielleicht ist die dem Stadtmenschen zu Gebote stehende Ablenkung gar nicht so förderlich für ein gesundes Reifen und das Entwickeln einer reichen Vorstellungswelt. Also:

 

 

 

 

Mein Kinderbänkchen

 

 

Auf dem Bänkchen kann ich stehen        Der Kater hat den Zaun erklommen,

und schau’n durchs Küchenfenster.         schaut blinzelnd in die Runde

Am Tage kann ich Vöglein sehen,           und denkt:“ Wenn andre Mäuse  kommen,

am Abend Nachtgespenster.                   dann hab ich meine Stunde.“

 

Von meiner angestammten Stätte            Der Fiffi hat nicht solche Träume;

kann mich kein Mensch verjagen,            er sieht den Kater äffen

weil ich sonst keine Lust mehr hätte,        und schickt ihn in die Apfelbäume

das Jungsein zu ertragen.                        mit durchdringlichem Kläffen.

 

Vorm Fenster liegt der alte Garten            Doch Bäume sind der Vögel Weide,

mit Sträuchern und mit Bäumen,               die von den Ästen blicken.

wo Eichhorn und Kaninchen warten,           Der Kater merkt zu seinem Leide:

tatsächlich und in Träumen.                      „Die Zweige würden knicken.“

 

Und diese Welt ist wundervoll                    So kann vom Bänkchen aus ich sehen,

in meinen Kinderaugen.                            dies und noch vieles weiter,

Ich finde viele Dinge toll,                           so dass ich früh schon lern‘ verstehen,

die nicht für Große taugen.                        was feindlich und was heiter.

 

Ein Maulwurf macht aus Erde Kegel             Und grübelnd denk ich dann so weit,

in Beeten und dazwischen.                          mit leichter Angst im Nacken:

„Nanu“, denk ich, „du kleiner Flegel,            „Ich lass mich in der Dunkelheit

lass dich nur nicht erwischen!“                      nicht an der Hose packen!“

 

Im Blätterberg vom letzten Jährchen,           Zur Vorsicht geh‘ ich als Gescheiter

der an der Wand geschichtet,                       zum Wald und zu den Hecken.

versteckt sich flugs ein Mäusepärchen,          lern‘ Baumbesteigen ohne Leiter

das vor der Katze flüchtet.                           und gründliches Verstecken.

 

                          Zum Bänkchen kehr‘ ich bald nach Haus,

                          lass weiter Obacht walten

                          und lern‘, wie draußen Katz und Maus

                          sich tierisch klug verhalten.

 

 

 

 



Eifelflüsse

Die Erziehung  (gewitzt aber wirksam )

 

„Wenn du eine Mutter hast...“

beginnen manche Sprüche,

denn sie trägt viel Müh und Last

und füttert uns bei Tische.

 

Bei uns zu Haus ist alles klar

mit Strenge und mit Liebe:

Die Mutter ist fürs Sorgen da,

der Vater für die Hiebe.

 

Doch ist das alles halb so wild,

mit väterlicher Strenge.

Es gäb‘ ein völlig falsches Bild,

würd‘ sprechen ich von Senge.

 

Abgekartet ist dies Spiel,

ist hierzu mein‘ Bemerkung.

Wird’s der Mutter mal zuviel,

braucht logisch sie Verstärkung.

 

„Peter komm ens!“ ruft sie grell,

als hole sie die Folter.

Und Vater rückt sein Sitzgestell

mit schrecklichem Gepolter.

 

Und dies Knarren reicht stets aus,

für mich und meine Brüder:

Stille herrscht sofort im Haus

und Vater setzt sich wieder.

 

Die Wirksamkeit einer Erziehungsmethode ist also nicht von der Anzahl der bei körperlicher Züchtigung davongetragenen blauen Flecken abhängig.

 

Was die Sorge meiner Mutter um ihre Kinder, meine Brüder und mich, anbelangt, so glaube ich, sie will uns zweierlei vermitteln: Den Weg ins Leben und den Weg zu Gott. Letzteres scheint ihr nicht unwichtig zu sein, nicht zuletzt aus Sorge um den Einfluss der Nationalsozialisten, die versuchen, uns den „alten Erziehungsmächten“ wegzunehmen. Wir sollen „gottgläubig“ erzogen werden. Gottgläubig aber bedeutet in ihren Augen, zu glauben an eine „Vorsehung“, die das deutsche Volk dazu berufen hat, über alle minderwertigen Völker und Rassen zu herrschen. Ihre Vorstellungen wurzeln in germanischen Sagen und Götterlegenden. Sie betrachten die Evangelisten des Christentums, wie sie es mir später im Rahmen der geistigen Wehrertüchtigung in einem Wehrertüchtigungslager in Bastogne in Belgien beizubringen versuchen, als die Vergifter der deutschen Seele. So sei das Gebot der Feindesliebe, so sagen sie, hinderlich für die Verwirklichung des Rassegedankens des Nationalsozialismus. Liebe Mutter, ängstige dich nicht zu sehr um mein Seelenheil, du, der du mir das christliche Menschenbild praktisch vorlebst, selbstlos und in stiller praktischer Nächstenliebe.

 

 

Es ist etwas Wunderbares um eine Mutter.

Andere mögen dir gut sein, aber nur eine Mutter kennt dich.

Sie führt dich ins Leben, sie sorgt sich um dich, behütet dich,

geht auf für dich in Liebe und hat für alles ein Verzeihen.

Sie entschuldigt noch, wo das Verstehen aufhört.

 

Ein einziges Unrecht nur- ein einziges - begeht sie:

Wenn sie zum letzten Schlaf die Augen schließt,

um dich in dieser Welt allein zu lassen.

 

Adolf Kolping

 

 

 

 



Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen.
Augustinus Aurelius, (354 - 430), Bischof von Hippo, Philosoph, Kirchenvater und Heiliger