Flucht aus Plattenbauten

Besonders groß ist die Anzahl derjenigen, die die Plattenbauten der DDR-Zeit fluchtartig verlassen.



Nix wie raus hier!  Plattenbauten auf dem „Großen Dreesch“ in Schwerin,  „Grabplatten“ einer gescheiterten   menschlichen Massentierhaltung.



Es drängt mich, die Plattenbauten einmal von innen kennenzulernen. Als ein Mitarbeiter der hiesigen Stadtwerke beauftragt wird, einer in Urlaub befindlichen Kollegin einen Brief zu überbringen, schließe ich mich ihm an. Nun müssen Hochhaus und Wohnung dieses speziellen Falles nicht unbedingt repräsentativ für alle Bauten sein. Aber diese Verhältnisse hier hauen mich einfach um! Der Aufzug, der uns zum 11. Stock bringt, ist innen von ungelenken „Künstlerhänden“ mit leicht pornographischen Zeichnungen und Sprüchen verziert worden. Gut! Schmierereien kennen wir bei uns auch. Die Kleinwohnung selbst scheint mir maßgerecht für je einen Bewohner und Besucher, also insgesamt zwei Personen konzipiert worden zu sein. Und jetzt drängeln sich hier drei Personen herum. Um den beiden anderen etwas Luft zu verschaffen, gehe ich in das durch einen Vorhang vom kombinierten Wohn- und Schlafraum getrennte Bad. Auf dem Rand der kurzen Sitzwanne liegt ein Schuhhörnchen. Ich habe mir vorhin verstohlen die ausladende „Sitzfläche“ der vollschlanken Wohnungsinhaberin betrachtet und denke nun angesichts des Schuhhörnchens: „Ja, so könnte es klappen, das Besteigen der Wanne.“ Da die von uns besuchte Dame nicht abzunehmen gedenkt, wird sie bald diese Wohnung und damit auch die Plattenbausiedlung für immer verlassen.



Die Plattenbauten, ein Muster für die kommende Massentierhaltung        

Es bleibt gar nicht aus,  dass die Nachfolger der LPGs, der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, auf kurz oder lang diese wirtschaftliche „Enge“ hier als Vorbild und Maßstab für Legebatterien, kurzgebundene und geknebelte Milchkühe und gedrängt untergebrachte Schweinereien nehmen werden. Und dieser zweifelhafte Fortschritt wird auf ganz Europa übergreifen. Doch diese armen Tiere werden sich dann, wie Menschen behandelt, sehr schnell durch Rinderwahn, Maul- und Klauenseuche und ähnliche Erkrankungen davonmachen.       



Die Wolkenbildungen sind die Alpen Mecklenburgs            

Nun habe ich mich bei den unschönen Plattenbauten aufgehalten und diese schöne Landschaft hier mit dem Wechsel von Seen und Hügeln ganz außer Acht gelassen. Die Mecklenburgische Seenplatte ist einmalig in Deutschland. Wenn man Statistik betreiben will, muss man Mecklenburg und Vorpommern zusammenfassen und beide Gebiete bilden ja auch zusammen ein Bundesland. Dieses Bundesland wird das Land der tausend Seen genannt, hat eine Binnenwasserfläche von rund 1 100 km2, das sind etwa 5 % der Gesamtfläche. Da (ich glaube) alle Seen mit Kanälen oder durch Flüsse verbunden sind, kann man tagelang rund tausende Kilometer weit mit dem Boot fahren und mit diesem entweder in die Ostsee oder über die Elbe in die Nordsee gelangen. Über 28 000 km Länge der Fließgewässer kann man unter einem weiten Himmel mit ständig wechselnder Wolkenbildung Kapitän spielen.

Doch dieses Bundesland könnte man auch das Land der Kraniche, See- und Fischadler, Biber und Ottern nennen. Das ist aber nur ein kleiner Ausschnitt aus der reichhaltigen Fauna. Denn Bläßrallen, Wildenten, Kormorane, Störche, Nonnen- und Graugänse sowie Reiher bevölkern dieses mit 260 Landschaftsschutzgebieten ausgestattete Land. Für die Insel Rügen mit seinen Kreidefelsen und der westlich vorgelagerten autofreien Insel Hiddensee braucht man keine Reklame zu machen. Aber auch die wieder im Aufbau befindlichen schönen alten Ostseebäder von Boltenhagen im Westen über Kühlungsborn und die Orte von Fischland, Darß und Zingst bis zu denen auf der Insel Usedom im Osten sind wieder einen Besuch oder einen Urlaub wert. In den Städten entlang der Ostseeküste ist der frühere Einfluss der Hanse 

Steilküste auf Fischland

(oder muss ich Hansa sagen?) noch in der Architektur, besonders der Rathäuser, zu erkennen.

 



Das Sralsunder Rathaus mit der typischen Schauwand
Die Wiecker Zugbrücke bei Greifswald
Stadtmauer mit Wieckhäusern in Neubrandenburg

Ganz schön, diese Bilder. Aber wo ist die Vogelwelt Mecklenburgs, von der ich eben sprach? Ich wollte sie fotografieren, diese Prachtexemplare, einzeln und aus nächster Nähe. Da glaubten sie wohl, ich wolle sie erschießen und flogen kreischend, schimpfend und mit Herzklopfen davon.

Und dann noch etwas: Ich kenne zwar die Namen der Vögel. Aber ihre Unterscheidungsmerkmale? Eine Zeitungsente kann ich gerade noch vom Spatz von Paris unterscheiden und auch die in meiner früheren Heimat, der Eifel, heimischen Vögel kann ich erkennen und benennen. Aber hier, an den vielen Binnenseen und an der Ostseeküste sieht man andere Vogelarten, auch jene, die auf ihrem Flug nach oder von Süden hier nur eine kurze Rast einlegen. Viele Einwohner der Mecklenburgischen Städte entwickeln sich jetzt auch zu Zugvögeln, die ihre ohnehin nicht sehr großen Wohnorte verlassen, um woanders Arbeit zu finden. Und dann zieht noch ein weiterer Teil in den sogenannten Speckgürtel der Städte, also von den städtischen Mietwohnungen in ländliche Eigenheime. Die Einwohnerzahl Schwerins zum Beispiel sinkt hierdurch rapide von 130 000 in Richtung 100 000.



Das sehenswerte Schweriner Schloss             

Nun habe ich noch kein Wort über das Wahrzeichen Schwerins verloren: Das mit zahlreichen Türmen und Türmchen verzierte Schloss. Es wurde in den Jahren 1843 – 57 im Stil der Neurenaissance von Demmler und Stüler erbaut bzw. umgebaut , hat aber auch einige Stilmerkmale der Renaissance, des Barock und sogar der Gotik. Eine Nachahmung des Schlosses Chambord an der Loire in Frankreich ist nicht zu verkennen. Chambord, in den Jahren 1519 – 33 erbaut, gilt gemeinhin als das Wahrzeichen der französischen Renaissance.

Zum Vergleich:



Der von 1519 bis 1533 erbaute gewaltige Märchenpalast Chambord im französischen Departement Loire-et-Cher



Und die verspätete Nachahmung:

Das von 1843 bis 1857 erbaute bzw. umgebaute Schweriner Schloss.

 

Einen wesentlichen Unterschied zwischen beiden Schlössern muss ich allerdings hervorheben. Chambord wurde mit getrennten Doppeltreppen für das Auf- und Absteigen versehen, damit sich die zufällig zusammengekommenen Liebespärchen auf den Treppen nicht  begegnen.

Diese „dekadente“ Anordnung ist, wie man sich denken kann, bei den braven Schwerinern total überflüssig.